Wie versprochen, gibt es nun eine Rezension zu “Dschinnland”, Kai Meyers neuester Geniestreich, den ich dank eines Vorab-Leseexemplars schon genießen durfte.
Samarkand ist eine Stadt, die bisweilen eher einem Kerker gleicht. Die Menschen, die dort leben, dürfen sie nicht verlassen und jene, die es doch tun, kommen meist im angrenzenden Dschinnland um. Dort brach vor ungefähr fünfzig Jahren die Wilde Magie aus und seitdem wüten dort die Dschinne – grausame Kreaturen, die Krieg gegen die Menschen führen – und andere, seltsame Wesen.
Ein Mann, der Samarkand dennoch schon oft verlassen und das Dschinnland durchquert hat, ist Tarik al-Jamal, der Schmuggler. Auf seinem fliegendem Teppich hat er die Reise nach Bagdad gewagt, immer wieder, bis eines Tages seine geliebte Maryam dabei ums Leben kam. Seitdem hat sich Tarik verändert. Schuldgefühle plagen ihn, er ertränkt seinen Kummer in Alkohol und nimmt an waghalsigen Teppichrennen teil, obwohl in Samarkand die Todesstrafe auf die Nutzung eines fliegenden Teppichs steht.
Seit Maryams Tod hat sich auch Tariks Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder Junis verschlechtert, denn dieser war auch in das Mädchen verliebt und scheint allein Tarik die Schuld an ihrem Verlust zu geben. Zwischen beiden herrscht nun bittere Rivalität, als sie sich bei einem Teppichrennen wieder begegnen.
Diese Rivalität wird noch durch die entflohene und überaus reizvolle Palastsklavin Sabatea verstärkt, die erst Tarik verführt und dann Junis – beide will sie dazu bringen, dass sie sie auf ihren fliegenden Teppichen nach Bagdad eskortieren. Während Tarik ihr eine Abfuhr erteilt, willigt der unerfahrene Junis sofort ein. Um beide zu beschützen, macht sich auch Tarik auf den Weg in das geheimnisvolle Dschinnland. Bald schon sehen sich die drei vielfältigen Gefahren gegenüber. Blutrünstige Dschinnhorden und die mysteriösen Sturmkönige stellen sich den drei Gefährten dabei ebenso in den Weg wie ihre eigenen Feindschaften, Geheimnisse und quälende Erinnerungen.
Kai Meyer ist ein Zauberer, dessen einzigartige Magie aus Worten und wundervollen Geschichten besteht. Nachdem er seine Leser schon in ein zauberhaftes Venedig, eine wundersame Karibikwelt und andere magisch-realistische Orte entführt hat, lässt der Autor nun die Welt aus Tausendundeiner Nacht lebendig werden und reichert sie mit vielen neuen Ideen und Abenteuern an.
Die Trilogie „Die Sturmkönige“ beziehungsweise ihr Auftakt „Dschinnland“ richtet sich primär an erwachsene Fantasyleser. Diese werden auch voll auf ihre Kosten kommen, denn die hohen Erwartungen, die man an Meyers Werk gestellt hat, erfüllt und übertrifft dieser. Die Geschichte um Tarik, Sabatea und Junis wirkt durchdacht und fesselt von der ersten bis zur letzten Seite.
Wie in Meyers anderen Fantasyromanen bedient sich der Autor auch hier mythischer und märchenhafter Wesen, die er den Bedürfnissen seiner Geschichte anpasst und so kreiert er ganz neue, eigenständige Mythen. Nach der Lektüre von „Dschinnland“ wird der Leser Dschinne wohl immer ganz anders sehen; aber dies sind nicht die einzigen interessanten Gestalten, die das Buch bereichern, auch listige Schlangen oder Zauberpferde werden dem Leser begegnen und ihn erstaunen.
Nicht nur dank der magischen Gestalten, auch durch die beschriebenen, sehr bildgewaltigen Orte und Landschaften wird die von Kai Meyer ersonnene Welt unglaublich plastisch. Der Roman baut eine solch starke Atmosphäre auf, dass man beinahe meint, den Wüstenwind im Gesicht und den warmen Sand unter den Füßen zu spüren. Dies ist natürlich auch der außerordentlich schönen Sprache des Autors zu verdanken.
Ebenso überzeugend wie die Welt der „Sturmkönige“ sind auch ihre Charaktere. Sehr vielschichtig und ambivalent kommen diese daher, es gibt hier keine typischen Heldenfiguren, alle haben ihre Schwächen und ihre eigenen Dämonen, gegen die sie kämpfen müssen. Das lässt den Leser leichter mit ihnen fühlen und um sie bangen.
Und um die Charaktere bangen kann man oft – Spannend und rasant beginnt nämlich der Roman und diese Spannung erhält Kai Meyer meist aufrecht, steigert sie sogar oftmals und unterbricht das Abenteuer nur, um seinen Charakteren auch Zeit zu geben, sich zu entwickeln und zu entfalten. So fliegen die Seiten schneller dahin als jeder magische Teppich es könnte.
Auch die Aufmachung von „Dschinnland“ ist wunderbar, ein hochwertiger Hardcovereinband, den ein schickes Cover schmückt, das perfekt auf die Lektüre einstimmt.
Der einzige Wermutstropfen bei diesem rundum gelungenen Roman ist das Ende, das eher einen Cliffhanger als einen wirklichen Abschluss darstellt – was das lange Warten auf den zweiten Band von „Die Sturmkönige“, der im März 2009 im Lübbe Verlag erscheint, noch ein bisschen schwerer macht. Aber immerhin hat Kai Meyer mit „Dschinnland” ein faszinierendes Buch respektive eine ganze Welt erschaffen, in die man nicht nur einmal eintauchen möchte.
Fazit:
Fantasyfans, die abseits von zahlreichen Tolkienepigonen eine innovative, unterhaltsam erzählte Geschichte in einem orientalischen Setting ausprobieren möchten, sollten sich diesen Lesegenuss nicht entgehen lassen!
Autor: Kai Meyer
Titel: Dschinnland
Serie: Die Sturmkönige (Band 1)
Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
Verlag: Luebbe Verlagsgruppe (16. September 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3785723364