Und hier Teil Zwei des Oktober-Specials zu „Der Name des Windes“, dem ersten Teil der Königsmörder-Chronik und dem Fantasy-Bestseller des Jahres. Fantasy Faszination hat mit Patrick Rothfuss über das Buch, das Schreiben, über Fantasy, Patricks aktuelle Projekte und darüber gesprochen, was bei einem Kampf zwischen Kvothe und Harry Potter geschehen würde.
Fantasy Faszination:“Der Name des Windes” wurde vor kurzem in Deutschland veröffentlicht. Warum sollten die Menschen dein Buch lesen?
Patrick Rothfuss: Du solltest mich das wirklich nicht fragen. Als Autor bin ich voreingenommen. Du kannst nicht glauben, dass ich das ehrlich beantworte. Ich könnte lügen, nur um Leute für das Buch zu interessieren.
Du solltest die Meinung von jemand anderem einholen. Jemand, der keinen Grund hat zu lügen.
Wie wäre es mit dir? Du bist nicht besonders voreingenommen. Warum denkst du, dass Leute es lesen sollten?
FF: Hmm, ich habe eine lange Rezension geschrieben, die dich wie einen Gott preist. Aber in Kürze: Es ist ein brillantes Buch.
PR: Wie ein Gott, huh? Wow. Ich denke, das ist ein guter Grund. Hört sie euch an, Leute. Lest mein Buch, weil ich wie ein Gott schreibe …
FF: Kvothe ist ein faszinierender Charakter. Was inspirierte dich, eine Geschichte über einen Helden wie ihn zu schreiben?
PR: Ich war es leid, immer über dieselbe Art von Helden zu lesen. Ich lese Fantasy schon mein ganzes Leben lang, und nach einer Weile beginnen einige Dinge langweilig zu werden. Ich wollte eine andere Art von Held. Da ich so etwas nicht zum Lesen fand, entschied ich es selbst zu schreiben.
FF: Hat sich “Der Name des Windes” so entwickelt, wie du es dir vorgestellt hast, oder gab es Plottwist und Wendungen, die sogar dich selbst erstaunten?
PR: Ganz Ehrlich? Es hat sich überhaupt nicht so entwickelt, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber du musst bedenken, dass ich vor fast 15 Jahren damit begonnen habe, über das Buch nachzudenken. Die Geschichte ist seitdem um einiges gewachsen.
FF: In Deutschland wird dein Buch unter anderem als “Harry Potter für Erwachsene” angepriesen. Während viele Fans – mich eingeschlossen – denken, dass Harry Kvothe nicht das Wasser reichen könnte, würde ich gern wissen, was du von solchen Vergleichen hälst. 
PR: Heh. Du bist tatsächlich nicht die erste Person, die das erwähnt …
Vor einiger Zeit hat jemand Harry Potter und Kvothe zusammen in einem Fanart dargestellt.
Ich hatte es in meinem Blog gepostet, damit die Leute es sehen konnten, und jemand sagte, es würde aussehen, als wäre Kvothe bereit für eine Rauferei. Dann fragte jemand anders, wer bei einem Kampf gewinnen würde: der 13-jährige Harry Potter oder der 13-jährige Kvothe.
Es gab einiges an Spekulationen in den Kommentaren, die die Leute im Blog posteten, die meisten davon ziemlich witzig. Aber ich erkannte, dass das Ergebnis des Kampfs letztlich davon abhängt, in welcher Welt er stattfinden würde.
Das Harry-Potter-Universum ist (abgesehen von Rowlings Versuchen, es in den letzten Büchern ernst und düster erscheinen zu lassen) ein ziemlich FSK-freier Ort.
Rowlings Welt ist ein Ort, wo drei tapfere Jugendliche das ultimative Böse befreien können. Deine Knochen werden verflüssigt? Keine Sorge, es gibt einen Zaubertrank, der das wieder richtet. Wenn du ein Verbrechen begehst, wird Dumbledore das für dich ausbaden. Niemand ist je in wirklicher Gefahr. Das ist der Grundtenor der Welt.
Das heißt, wenn der 13-jährige Kvothe und Harry einen Kampf in Harrys Welt austragen würden, würde Harry eher aufgrund irgendeines glücklichen Zufalls gewinnen als durch seinen Verstand oder seine Fähigkeiten. Es würde vermutlich irgendeinen komischen magischen Nebeneffekt geben, der die Dinge stoppen würde, bevor sie zu ernst werden, und im schlimmsten Fall würde jemand auf die Krankenstation gehen müssen, um sich hinzulegen.
Würde der Kampf in einer Gasse in den Straßen von Tarbean stattfinden, würde der junge Kvothe vermutlich gewinnen, weil er ein bösartiger, pragmatischer kleiner Bastard ist. Ich schätze, Kvothe würde Harry mit einem Stein gegen den Kof schlagen, ihn kräftig treten, wenn er am Boden liegt und dann Harrys Schuhe stehlen.
FF: Das Magiesystem, das du in deinen Büchern nutzt, scheint auf einer sehr wissenschaftlichen, logischen Basis zu gründen. Wie wichtig ist Logik und Realismus in einem Fantasyroman für dich?
PR: Ich denke, dass Logik und Realismus unglaublich wichtig sind. Tatsächlich sind sie vermutlich in der Fantasy wichtiger als in allen anderen literarischen Genres.
FF: Das ist interessant. Warum denkst du so?
PR: Nun, sagen wir ich erzähle dir eine Geschichte über etwas, das einem Freund von mir passierte, während er in Paris zum Lunch war. Du wirst mir die Geschichte glauben. Du kennst Paris. Vielleicht warst du sogar schon einmal selbst dort. Wenn nicht, hast du vermutlich Bilder davon gesehen, oder du kennst jemanden, der dort war.
Der Punkt ist, ich muss dich nicht erst dazu bringen, an Paris zu glauben. Ich muss dich auch nicht dazu bringen, an einen Lunch zu glauben.
Aber wenn ich dir eine Geschichte über einen Typen erzähle, der Alchemie in einem Ort namens Tarbean ausübt … Nun … du siehst das Problem. Plötzlich muss ich dir diese Ideen vermitteln, denn sie sind außerhalb deines Erfahrungshorizonts. Deshalb muss ich die Dinge besonders realistisch schildern.
FF: Musik spielt eine große Rolle in deinem Buch, du beschreibst den Klang von Kvothes Laute so lebendig und mit so viel Liebe. Ich habe die Musik wirklich in meinen Gedanken gehört. Welche Rolle spielt Musik für dich selbst?
PR: Ich werde das oft gefragt, meistens von Musikern. Es ist eigentlich schmeichelhaft. Aber die Wahrheit ist, dass ich nicht viel über Musik weiß. Ich spiele keine Instrumente, oder zumindest spiele ich keines gut genug, dass das, was dabei herauskommt, als Musik bezeichnet werden könnte.
Allerdings habe ich eine ziemlich gute Singstimme.
FF: Wie würdest du die Entwicklung deiner Fähigkeiten als Autor beschreiben, seit du vor vielen Jahren mit der Arbeit an den “Königsmörder Chronik” begonnen hast?
PR: Ich weiß nun viel mehr über das Storytelling als damals zu Beginn. Ich bin gut beim Worldbuilding und den Charakteren. Ich schreibe eine gute Szene, ein gutes Kapitel. Aber ein Roman ist mehr als das, genau wie ein Kuchen mehr ist als Mehl, Eier und Butter. Es gibt zehntausend Arten, wie man diese vermischen kann, aber nur einige davon werden tatsächlich gut schmecken.
Nun verstehe ich mehr vom Erzählfluss, von Timing und dem Plotting. Es gibt eine Menge, über das man sich Gedanken machen muss …
FF: Nachdem “Der Name des Windes” so unglaublich erfolgreich ist – fühlst du dich von den hohen Erwartungen, die man an “The Wise Man’s Fear” stellt, unter Druck gesetzt?
PR: Absolut.
FF: Du sagtest bereits, dass es mehr Bücher geben wird, die im selben Setting wie die “Königsmörder Chronik” handeln werden. Aber hast du auch etwas komplett anderes im Sinn? Eine andere Welt, ein anderes Genre, dass du gerne erkunden würdest?
PR: Im Moment arbeite ich an einem für-Kinder-nicht-geeigneten Kinderbuch. Es ist ein bisschen wie “Coraline” trifft auf “Calvin und Hobbes”.
FF: Gibt es bestimmte Autoren, mit denen du gerne zusammenarbeiten würdest?
PR: Das ist wirklich eine schwere Frage. Es gibt viele Autoren, die ich bewundere … aber ich weiß nicht, wie ich mich fühlen würde, sollte ich mit ihnen arbeiten. Schreiben ist eine eher einsame Beschäftigung und das führt nicht unbedingt zu guter Zusammenarbeit.
Nimm beispielsweise Terry Pratchett. Würde ich gerne mit ihm reden? Natürlich. Ich denke, er wäre faszinierend. Aber mit ihm arbeiten …? Ich bin mir nicht sicher. Ich weiß wirklich nicht, was ich zu einem Projekt beitragen könnte, an dem wir arbeiten würden. Er macht alles so gut.
Dasselbe gilt für andere meiner Lieblingsautoren: Gaiman, Beagle. Wir schreiben alle unsere eigenen Sachen. Wir sind Könige in unseren eigenen, kleinen Welten. Ich fürchte, wenn wir zusammenarbeiten würden, wäre es wie die Sache mit den zu vielen Köchen in der Küche. Wir würden letztlich nur dauernd aneinerstoßen, und der Kuchen würde am Ende verkohlen.
Wie dem auch sei, ich würde gern mit anderen Leuten arbeiten, wenn es um ein anderes Medium geht.
Zum Beispiel wenn mein Buch jemals verfilmt wird, würde ich gern mit Joss Whedon arbeiten, weil er ein großartiger Autor ist und weiß, wie man eine Story in einem Film erzählt. Ich wäre aufgeregt angesichts dieser Möglichkeit, denn so wären es nicht mehr zwei Köche in einer Küche. Er wäre der Koch und ich … der Butler? Der Wirt? Der Typ, der das Menü zusammenstellt?
Yeah. Meine Analogie funktioniert hier nicht mehr. Aber ich denke, du weißt wovon ich rede.
FF: “Der Name des Windes” hat so viel Potenzial – gibt es Pläne, Kvothes Geschichte in ein anderes Medium zu bringen, zum Beispiel Graphic Novel/Comic, Film oder Spiel?
PR: Es gab Gespräche über alles davon. Momentan sind drei verschiedene Verlage an der Graphic Novel Adaption interessiert, also wird dies wohl zuerst geschehen. Aber ich denke, dass Rollenspiel wird kurz darauf folgen …
FF: Beobachtest du den Buch-/Fantasymarkt oder ist dir das nicht wichtig?
PR: Hmmmm…. Das kommt darauf an, was du mit “beobachten” meinst?
FF: Ich meine, nun … ob du auf Trends im Genre achtest, darauf, was sich gut verkauft, was Leser und Verlage gern lesen/kaufen?
PR:Nein. Nicht wirklich. Ich lese meistens Bücher, von denen mir Freunde sagen, dass sie gut sind. Ich mache mir nicht viele Gedanken darüber, was beliebt ist.
FF:Was liest du momentan?
PR: Ich habe gerade Terry Prattchets “Nation” beendet. Ich kann nicht genug Gutes darüber sagen. Ich denke, es ist sein bestes Buch überhaupt. Ich werde in den nächsten Jahren viele Exemplare davon verschenken. Es ist brillant. Umwerfend gut.
FF: Wirst du Europa 2008 oder 2009 besuchen?
PR: Ich hoffe, 2009 dorthin zu gelangen. Ich wollte immer reisen, und nun habe ich eine Entschuldigung …
FF: Das klingt gut! Vergiss nicht, nach Deutschland zu kommen, wir haben hier auch einige Fantasy-Conventions …
PR: Ich würde gern kommen. Aber ich fürchte, ich werde wegen meiner Sprachkenntnisse blamiert sein. Ich habe Deutsch seit fünfzehn Jahren nicht mehr geübt, und es war schon damals nicht besonders gut …
FF: Vielen Dank für das Interview!
Und auch hier nochmal: Ich lege allen, die “Der Name des Windes” noch nicht kennen, Buch und Autor wärmstens ans Herz. Defintiv eines der Fantasybücher, die man gelesen haben sollte – und das man so schnell nicht vergessen wird.
[...] möchte bei dieser Gelegenheit noch auf ein schönes Interview hinweisen, welches Linda von Blog Fantasy-Faszination mit Patrick Rothfuss geführt [...]