Nur wenige Fantasy-Romane haben in letzter Zeit für so viel Wirbel gesorgt wie das Debüt von Autor Patrick Rothfuss. „The Name of the Wind“ wurde von Kritikern und Autoren hymnisch gelobt und wurde schon nach kurzer Zeit ein Bestseller. Obwohl viele Hypes künstlich aufgebläht werden und nur wenig dahinter steckt, kann man das von Rothfuss’ Werk nicht behaupten. Nachdem ich schon vor Monaten das englische Original gelesen – oder vielmehr verschlungen – und geliebt habe, habe ich nun anlässlich der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung ein kleines Special geplant, um allen Fantasylesern (und nicht nur diesen!) diesen wunderbaren, faszinierenden Roman wärmstens ans Herz zu legen. Der erste Teil dieses Specials ist die nun folgende Rezension, der zweite Teile ein Interview mit dem Autor.
Worum geht’s?
“Ich habe geraubte Prinzessinnen aus den Händen schlafender Unholde befreit. Ich wurde von der Universität verwiesen, in jüngerem Alter als die meisten Leute dort zugelassen werden. Ich wandele im Mondschein auf Pfaden, von denen andere auch bei Tage nicht zu reden wagen. Ich habe mit Göttern gesprochen, habe Frauen geliebt, habe Lieder geschrieben, bei denen selbst die Sänger in Tränen ausbrechen.
Ihr habt vermutlich schon von mir gehört.“
So beginnt eine der fesselndsten und schönsten Geschichten aller Zeiten. Es ist die Geschichte von Kvothe, der als Sohn der Edema Ruh, einer Gruppe berühmter Spielleute, geboren wurde. Als kleiner Junge findet er einen Lehrer, einen ausgebildeten Arkanisten, der in Kvothe einen außergewöhnlichen Verstand und die Begabung zur Magie entdeckt.
Kvothes glückliche Kindheit nimmt ein jähes Ende, als er eines Tages das Lager seine Truppen verwüstet vorfindet und all seine Freunde und seine Eltern tot. Es waren rätselhafte, dämonische Wesen, die diese Morde begangen haben – die Chandrian. Kvothes Vater hatte für ein Lied Nachforschungen über diese Wesen angestellt, deshalb musste er sterben. Der junge Kvothe ist nun auf sich allein gestellt. In Tarbean, einer riesigen und unerbittlichen Hafenstadt, schlägt er sich als Bettler und Dieb durch, bis er eines Tages aus seinem Schockzustand, der nach dem Tod seiner Eltern eintrat, erwacht und wieder seinen Verstand benutzt. So schafft der Junge es, an der Universität für hohe Magie angenommen zu werden, als jüngster Schüler des Arkanums. Auch dort erwartet ihn ein Leben voller Entbehrungen und Gefahren und stets sinnt Kvothe auf zwei Dinge: Er will die Chandrian finden und den Namen des Windes erfahren …
Was den „Namen des Windes“ ausmacht
Nun, die Frage, was diesen Roman ausmacht, ist nicht schwer zu beantworten: Es ist seine Sprache. Es ist die Melodik, die Lyrik, die in den Worten Rothfuss’ liegt, es ist die Kraft, die von seiner Erzählweise ausgeht und die den Leser unweigerlich fesselt.
Natürlich geht auch von der Handlung viel Spannung aus, obwohl „Der Name des Windes“ das Fantasy-Rad nicht neu erfindet. Rothfuss bedient sich vieler Klischees – den verwaisten Jungen mit großen Kräften, die Zauberschule und vieles anderes hat man so ähnlich schon oft gelesen – , aber ebenso oft persifliert er diese gängigen Klischees, spielt mit ihnen und kehrt sie um. So bleibt der Windsname zwar recht klassische heroische Fantasy, doch an neuen Elementen und kreativen Ideen mangelt es nicht, und nie hat man das Gefühl, einen simplen Aufguss irgendeiner anderen Geschichte zu lesen.
Positiv fällt auch Rothfuss Worldbuilding auf – Tarbean und die Universität sind plastische, interessant konzipierte Schauplätze; Religion, Mythen, Legenden und Sprachen tragen dazu bei, dass die Welt, die Rothfuss Welt erschafft, sich real, überzeugend anfühlt und man ahnt, dass es da in den nächsten Bänden noch viel zu entdecken und zu erfahren gibt. Ebenfalls loben kann man nur das Magiesystem, das der Autor erdacht hat und das vollkommen schlüssig und logisch ist. Dass von Namen Magie ausgeht, ist natürlich keine neue Idee, viel faszinierender ist das Prinzip der Sympathie, das mehr mit Wissenschaft als mit Zauberei gemein hat.
Kvothe ist ein Held, wie es ihn selten gibt. Er ist vielschichtig, unberechenbar und während er seine Geschichte erzählt, weiß man nie genau, ob man ihm wirklich trauen kann, ob das, was er erzählt, der Wahrheit entspricht. Der junge Kvothe aus dieser Geschichte ist ein geschickt angelegter Charakter. Natürlich scheint er viel klüger und begabter als es für einen Jungen seines Alters halbwegs normal wäre, auch seine Ausdrucksweise ist viel zu gebildet und bedacht. Aber trotzdem wirkt er nie unglaubwürdig, denn neben all den gerissenen, schlauen und bewundernswerten Taten, die er vollbringt, begeht er auch immer wieder große Dummheiten, verhält sich kindisch. Das macht ihn menschlich, das macht ihn sympathisch und die Geschichte bleibt mitreißend.
Sicher ist das Buch nicht frei von Mankos. Es gibt hier und da einige Längen, einige kleine Logikfehler und anderes, aber nichts Gravierendes, wirklich nichts, was die Freude an „Der Name des Windes“ nachhaltig trüben könnte.
Noch einmal zurück zur verwendeten Sprache, über die man nun wortreiche Lobreden verfassen könnte. Das habe ich nicht vor, denn ich könnte nicht in Worte fassen, welche Empfindungen das Lesen von „The Name of the Wind“ bei mir auslöste, wie intensiv die Atmosphäre ist, die Rothfuss mittels Worten aufbaut und wie viel Vergnügen mir diese Geschichte bereitete. Man muss das Buch schon lesen, um das zu verstehen.
Trotzdem noch einige Worte zur deutschen Übersetzung von Jochen Schwarzer. Die „Weltwoche“ beschrieb diese als „fast noch besser als das Original“. Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber von meinem (ganz persönlichem und vermutlich nicht allzu fundiertem) Standpunkt aus kann ich sie auch nur als gelungen betrachten. Schwarzer fängt viel von der Schönheit der Worte ein, die auch oder eher besonders im Original vorhanden ist, und trifft den melogisch-lyrischen Ton der Geschichte sehr gut, sodass man in die Übersetzung genauso eintauchen kann wie im Original. Besonders gelungen sind auch die geschickt ins Deutsche übertragenen Lieder und Reime – chapeau! Wer noch rätselt, ob nun die englische oder deutsche Ausgabe die bessere Wahl für ihn wäre, der sei auf die wunderschöne, qualitativ sehr hochwertige Ausgabe von „Der Name des Windes“ aus dem Hause Klett-Cotta aufmerksam gemacht.
Ohne noch viele Worte zu verlieren: Dieses Buch ist zweifellos eines der besten des Jahres und kein Fantasyfan, kein Bewunderer einer gut erzählten Geschichte sollte sich dieses Highlight entgehen lassen. Ein wunderschönes Werk, in dessen Sprachgewalt man sich einfach verlieben muss. Einziger Wermutstropfen bleibt die Wartezeit auf den zweiten Band, den man beim Umblättern der letzten Seite am liebsten sofort in den Händen halten würde. Doch immerhin ist „Der Name des Windes“ eines dieser seltenen Bücher, die man wieder und wieder lesen kann, ohne die Freude daran zu verlieren.
Titel: Der Name des Windes
Autor: Patrick Rothfuss
Gebundene Ausgabe, 910 Seiten
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen: September 2008
Sehr schöne Rezi, zu einem wundervollen Buch, Liath.
Ich danke dir, Björn – und freu mich, dass du das Buch ebenfalls genießt/genossen hast.
Ich habe mich durchaus über Plot und Storytelling geärgert, aber sprachlich ist das über allem erhaben.